"Hunderetter"
Rund um das Mittelmeer führen Hunderttausende von herrenlosen Hunden ein wahres Hundeleben. Von Hunger und Krankheiten geplagt, ungeliebt, misshandelt, vegetieren sie dahin - und vermehren sich dennoch massenhaft: Die Nachkommenschaft einer einzigen Hündin kann innerhalb von zwei Jahren leicht aus 200 Tiere anwachsen. Hundefreunde wie Samira und Hubert Tieß haben das Problem erkannt: Sie helfen und pflegen, wo es nötig ist, und sorgen gleichzeitig dafür, dass die Zahl der streunenden Hunde nicht ins Uferlose wächst. HÖRZU-Reporter Walter Karpf besuchte das deutsche Ehepaar in Griechenland.
Von Ägypten bis zur Costa Brava, in Marokko und auf Mallorca - die Straßenhunde rund ums Mittelmeer führen ein Hundeleben. Jetzt wollen Tierfreunde aus Deutschland dafür sorgen, dass die Not nicht zur Landplage wird. Ein Beispiel aus Griechenland.
Für Gorbatschow kommt jede Hilfe zu spät: Irgend jemand hat den Armen vergiftet. Karamanlis ist krank und schwach - er braucht dringend eine Wurmkur. Clinton hat das Fell voll quälender Zecken, und Mitsotakis soll kastriert werden. Die Ärztin ist schon aus Deutschland eingetroffen. Berühmte Namen doch die sie tragen, sind herrenlose Hunde, bedauernswerte Streuner, um die sich ge-wöhnlich niemand kümmert.

Glück gehabtDie beiden Mischlingswelpen wurden im Alter von acht Wochen am Straßenrand bei Nikiti in Griechenland ausgesetzt. Der Tierschützer Andreas Grell vermittelte sie nach Deutschland. "Pina", weißes Fell, kam in eine Familie nach Duisburg. "Puma", ganz schwarz, lebt heute in Willich bei Düsseldorf.
"Wer aber erst mal aus der Anonymität herausgeholt ist", sagt Hubert Tieß, der Mann, der die großen Namen vergibt, "der hat es meist geschafft." Am liebsten bedient sich der aus Köln stammende Kaufmann in Politik und Kultur. Mit "Bello" allein kommt er nicht aus, weil er Tausende von Tieren taufen muss - um dann dafür zu sorgen, dass seine Schützlinge einigermaßen anständig existieren können. Oder dass wenigstens die Vergifter angezeigt und verfolgt, dass Medikamente gegen Würmer besorgt, Zecken entfernt werden und die Ärztin operieren kann.
Als Samira und Hubert Tieß vor fünf Jahren auf die griechische Halbinsel Halkidiki kamen, war nicht abzusehen, dass sie eine Lebensaufgabe als Hundebetreuer finden sollten. Es hatte nur ein langer Urlaub werden sollen, in dem sie das Geld aus intensiver Arbeit genüsslich ausgeben wollten. In einem lieblichen Paradies, wo Oliven und Wein gedeihen, wo schon Odysseus segelte, die Mönche von Athos hoch über dem Mittelmeer die Nähe Gottes suchen und Touristen durch die Ruinen der altgriechischen Metropole Olynthos stromern.
Doch wo immer das Ehepaar umherschlenderte, traf es auf die herrenlosen Hunde - freundliche Tiere, die von den Deutschen mal einen Happen Futter oder auch nur ein bisschen Streicheln brauchen, und die jede Zuwendung dankten. Woher sie kamen, wusste niemand: Waren sie ausgesetzt? Entlaufen? Oder irgendwo im Gestrüpp hinter einer Mülltonne auf die Welt gekommen? Auf Befehle wie "Sitz!" oder "Platz!" jedenfalls reagierten sie verständnislos. Und wenn sie miteinander spielten und sich balgten, dann machten sie den Eindruck, als seien sie glücklich und zufrieden.
Lust an der FreiheitOhne das Futter von Touristen, das sich die Tiere erbetteln, könnten sie nicht überleben.
In Wahrheit sind es arme Hunde. Hunderttausende von ihnen leben in den Ländern rund ums Mittelmeer, Schätzungen gehen in die Millionen. In Rudeln lungern die Ausgestoßenen überall da herum, wo Touristen sind, die ihnen mal ein Brocken hinwerfen. Davon leben die Streuner mehr schlecht als recht. Wenn die Saison vorüber ist, im Winter, müssen viele von ihnen verhungern. Oder der Bürgermeister streckt irgend jemandem ein Taschengeld zu, um die Hunde illegal zu beseitigen. Dann liegt am nächsten Morgen ein Dutzend toter Tiere da, elend an Rattengift eingegangen. Allein auf Mallorca werden bis zu 10 000 Parias pro Jahr getötet. Das Problem ist damit nicht aus der Welt, denn Hunde vermehren sich ungeheuer schnell: Eine Hündin hat leicht 200 Nachkommen - eigene Welpen und deren Jungen - in zwei Jahren.
Diesen Teufelskreis wollen wir durchbrechen", sagt Tieß. Der Diplom-Ingenieur und Diplom-Volkswirt hat begriffen, dass die Struktur geändert werden muss. "Es ist nicht damit getan, getretenen Hunde gesund zu pflegen und weggeworfene Welpen aus der Mülltonne zu retten und nach Deutschland in gute Hände zu vermitteln." Nein: Die Zahl der Hunde muss auf Dauer verringert werden. "Deshalb ist es besser", sagt Tieß, "einen Hund zu kastrieren, als 200 verhungern zu lassen." Denn nur, wenn die Zahl der Straßenhunde unter Kontrolle ist, können die Tiere genug Nahrung finden, ohne den Menschen gefährlich zu werden, etwa durch die Übertragung von Würmern.
Über das Internet lernte das Ehepaar Tieß Angelika Teichert und Andreas Grell kennen, die in Bretzfeld in Baden-Württemberg einen Kosmetikvertrieb besitzen. Auch sie wollen etwas für die Tiere tun, und auch sie waren realistisch genug, dabei die Notwendigkeit zu langfristiger Planung zu erkennen. Das Tieß'sche Drei-Stufen-Konzept für Halkidiki überzeugte sie als ein Modell für das ganze Mittelmeer: Erstens: herrenlose Tiere füttern, gesund über den Winter bringen und kastrieren. Zweitens: ausgesetzte Welpen nach Deutschland vermitteln und Privatleute überzeugen, auch ihre Hunde kastrieren zu lassen. Und drittens gilt es, Bürgermeister, Priester und Schüler von der Notwendigkeit des Tierschutzes zu überzeugen.
Charakterköpfe: ausgesetzt, entlaufen, hinter einer Mülltonne geboren. Nach und nach verschwinden die Rassenmerkmale. Nur die Klügsten und Stärksten setzen sich durch.
Gemeinsam gründeten die Deutschen den Verein "Animal Pard Net" (veraltete Form von "Tierpartner"), dessen Arbeit auf Idealismus und Selbstausbeutung beruht - und auf der Fähigkeit zum Schnorren. Samira und Hubert Tieß arbeiten vor Ort, Angelika Teichert und Andreas Grell sorgen für die Logistik. Sie werben Förderer, sammeln Geld und Sachspenden - tonnenweise Hundefutter, Wurmtabletten, Zeckenspray und Halsbänder -, sie suchen Gastfamilien für ausgesetzte Welpen und kümmern sich vor allem um Tierärzte, die bereit sind, ihren Urlaub am Mittelmeer den Hunden zu widmen.
Helga Ertelt ist eine von ihnen. Die Tierärztin aus Hannover hat schon zum dritten mal in diesem Jahr ihre Praxis allein gelassen, um in Griechenland eine Woche lang von morgens bis abends zu operieren. Für Flug und Unterkunft sorgt "Animal Pard". Operationsbesteck, Medikamente, Fäden, sterile Tücher sind meist aus Kliniken zusammengebettelt. "Einheimische Veterinäre können wir uns nicht leisten", sagen die Tierschützer. "Die haben nicht soviel Erfahrung mit Kastrationen und sind zu teuer. 180 Mark pro Operation sind zuviel für uns." Der bedauernswerte Mitsokatis, bekannt nach dem griechischen Ex-Minister-präsidenten, weiß nicht, dass er nur noch zwei Stunden lang ein Hundemann sein wird, als Hubert Tieß ihn vom Strand in Hagios Nikolaos holt. Noch nie hat der Rudelchef in einem Auto gesessen. Aber er knurrt und beißt nicht, als er in den Wagen gehoben wird. Tieß' Gästezimmer wird zum Operationssaal, die Terrasse von Nachbarn zum Aufwachzimmer für den in Decken gewickelten Hund. Am nächsten Tag operiert Helga Ertelt im Möbelkeller des Hotels Athina Palace in Nikiti, am Abend liegen zehn kastrierte Hunde in einem alten Schafstall, jeder mit einem Wassernapf vor sich, und wachen langsam aus ihrer Betäubung auf. Fasziniert sehen Hotelgäste dem Rheinland der Aktion zu und stecken den Tierschützern diskret ein paar Geldscheine in die Tasche: "Klasse, was ihr da macht."
"Wir brauchen dringend eine kleine Tierstation mit OP und einem separatem Aufwachraum", sagt Hubert Tieß, "doch dafür benötigen wir Geld." Schon jetzt kämmen die Tierschützer Dorf für Dorf durch, reden mit Bürgern und Popen und sammeln streunende Hunde ein. Einmal im Monat kommt dann aus Deutschland ein Tierarzt zum Operieren. "Im Idealfall", sagt Angelika Teichert, "laufen bald nur noch kastrierte, gesund und satte Tiere herum."
Zwei Tage nach seiner Operation ist Mitsokatis wieder auf den Beinen und Herr über sein Rudel. Doch schon nach einigen Wochen übernimmt der viel kleinere Pinocchio seine Position. "Er weiß es noch nicht", sagt Hubert Tieß, "aber bald ist auch er dran."
Text von Walter Karpf, Reportagefotos von Markus Dlouhy

