Ist das Leben eine Verkettung von Zufällen oder gibt es tatsächlich so etwas wie ein individuelles Schicksal? Für meinen Werdegang tendiere ich eher zu dem Zufallsprinzip. Alle Ereignisse sind aber Komponenten eines übergeordneten Systems und bedingen sich gegenseitig.
Mein Name ist Lisa und ich bin eine kleine, vier Monate alte Hündin. Laut Aussagen meiner Rudelsführer bin ich der süßeste "Griechenfratz", dem sie jemals ein Zuhause gegeben haben. Wie dem auch sei, in meiner deutschen Umgebung fühle ich mich super und es gibt keinen Grund zum Klagen.
Trotz meines zarten Alters habe ich doch schon einiges erlebt und das soll nun einer breiten Öffentlichkeit erzählt werden. Auch wenn der Anfang meiner Geschichte sehr traurig sein wird, vergesst nicht, dass wir alle in Sicherheit sind und es uns heute sehr gut geht.
Wir sind als die 9 Teufelchen im Internet vorgestellt worden. Warum nicht!
Die Geschichte beginnt mit drei ausgesetzten Welpen in Nikiti, einem kleinen Dorf in Nordgriechenland (Halkidiki). Ironischerweise wurden wir direkt vor dem Eingang zum Friedhof geworfen. Hubert, ein Tierschützer in Nikiti hat uns gefunden und mit nach Hause genommen. Dort wurden wir Zwerge erst einmal versorgt und am Abend fuhr Samira, Huberts Frau, die ebenfalls im Tierschutz sehr stark engagiert ist, die 40 Kilometer mit uns zum nächsten Tierarzt.
Jetzt kommen ich und meine 6 Schwestern ins Blickfeld. Ein herzloser Mensch hat uns unsere Mutter weggenommen, in eine Obstkiste gesteckt und außerhalb der Ortschaft direkt neben der Hauptstraße abgesetzt. Natürlich sind wir schon rumgesaust, so dass dieses Scheusal bewusst den "Reifentod" in sein Handeln einkalkuliert hat. Eine meiner Schwestern, die Mutigste von uns allen, ist als erste aus der Kiste geklettert und eine Minute später war sie im "Hundehimmel". Auch ich habe die Kiste verlassen und bin zu meinem Schwesterchen gelaufen. Aber alles Stupsen und Zerren hat nichts genützt: Sie war tot.
Mitten in dieser traurigen Situation stoppte auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Auto und eine junge Frau kam zu mir gelaufen. Sie zog mich von meinem toten Schwesterchen weg und begann mit der Suche nach meinen anderen Geschwistern. Es war Samira mit den drei "Friedhofskindern" im Kofferraum und aufgrund ihrer Erfahrungen vermutete sie richtiger Weise noch andere Welpen. Sie fand meine 5 Schwestern in der Obstkiste und holte uns 6 zu den Friedhofskindern ins Auto. Eine halbe Stunde später waren wir beim Tierarzt und wurden für kerngesund empfunden. Wir waren gerettet!
Erkennt Ihr jetzt die Verkettung der Zufälle? Hätte nicht irgend ein Bösewicht die drei Welpen am Friedhof in Nikiti ausgesetzt, wäre Samira nicht zum Tierarzt gefahren. Es ist nicht davon auszugehen, dass allzu viele Menschen wegen ein paar Welpen am Straßenrand angehalten hätten. Der "Reifentod" wäre uns so gut wie sicher gewesen.
Ab jetzt gibt es nur noch Schönes zu berichten. Wir neun tummelten uns tagsüber im Gärtchen der Tierschützer und in den Nächten durften wir im Haus unser Unwesen treiben. Es ging hoch her: Neun kleine Teufelchen können schon für Stimmung, aber auch für viel Arbeit sorgen. Aber unser Aufenthalt bei Samira und Hubert war nicht auf Dauer angelegt. Schließlich sollten 2 Tage nach unserer geplanten Abreise wieder ausgesetzte Hündinnen kastriert werden und dafür wurde unser "Nachtquartier" benötigt. Eine Tierschützerin in Deutschland hat unsere Bilder im Internet gesehen und sich sofort für unsere Vermittlung eingesetzt. Am 22.03.01 war es dann soweit: Via Flugzeug kamen wir in unsere neue Heimat und wurden dort mit viel Herzenswärme empfangen.
Heute hat jeder von uns sein eigenes Zuhause und darf mit seiner jeweiligen Familie sein von der Natur zugedachtes Leben genießen.
Einen ganz großen Wunsch habe ich noch: Es wäre so schön, wenn sie auch unsere Mutti kastrieren könnten. Zweimal im Jahr muss sie solche Würmchen, wie wir es sind, in die Welt setzen. Sie ist schon völlig ausgezehrt und ihr Leben ist bestimmt nicht angenehm. Dann ist schon besser, erst gar nicht geboren zu werden. Wir hatten Glück. Aber wie viel unserer Geschwister sind schon unter qualvollen Umständen in den ersten Monaten ihres Lebens gestorben! Deshalb versuchen Samira und Hubert auch die Besitzer von Hunden und Katzen zur Kastration zu überreden. Vielleicht finden sie dieses Scheusal der uns weggeworfen hat und können unserer Mutti helfen. Eine Hündin sollte doch nur werfen, wenn die Kleinen auch erwünscht sind, oder?
Ein weiser Inder hat sinngemäß einmal gesagt, dass der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft sich im Umgang mit den Tieren zeigt. In diesem Sinne müssen manche Menschen noch einiges lernen! Es besteht jedoch die berechtigte Hoffnung, dass die nachfolgenden Generationen mehr und mehr in der grausamen Behandlung der Tiere auch eine Verletzung der Menschenwürde sehen.
Dies war nicht das Wort zum Sonntag, sonder das Ende dieser Geschichte.
Seid herzlichst gegrüßt Eure Lisa


